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Serie-Impressionen/ Magazin werben & verkaufen 

 Die Hand auf der Herdplatte

Dr. Peter Glotz prägt seit Jahren den bildungs- und medienpolitischen Kurs der SPD. Im Impressionen-Gespräch resümiert Glotz persönliche Aussichten und professionelle Einsichten.

  ?: Ich habe im Vorfeld unseres Gesprächs den Versuch unternommen möglichst viel Material von Ihnen zusammenzutragen. Angesichts der schieren Masse von Publikationen musste ich jedoch kapitulieren. Wie bewältigen Sie eigentlich diesen ungeheuren publizistischen Output?

Glotz: Rein arbeitstechnisch stehe ich jeden Morgen um fünf Uhr auf. So bleiben mir zwei Stunden, in denen ich mich - ungehindert von Terminen und Telefonen - den Schreiben widmen kann.

?: Das erklärt jedoch nicht die Spannbreite Ihrer Inhalte...

Glotz: Ich bin als Wissenschaftler und Politiker mit den unterschiedlichsten Themen in Berührung gekommen. Ich bitte also um Verständnis dafür, dass ich mich ebenso zu Martin Walser äußere wie zur Nato-Osterweiterung oder zum Euro. Ich weiß, dass einige Leute sich darüber ärgern.

?: Probleme habe ich im Moment eher mit Ihren beruflichen Selbstverständnis. Wie würden Sie Ihre derzeitige “job description” umschreiben
Glotz: Aus der Politik habe ich mich im vergangenen Jahr verabschiedet. Ich bin heute Professor und Rektor an der Universität Erfurt. Gleichzeitig arbeite ich als Publizist.

?: Haben Sie an der Politik eigentlich gelitten?

Glotz:  Politik ist ein hartes Geschäft. Das wusste ich von Anfang an. Ich werde als Aussteiger jetzt auch nicht larmoyant.
 
?: Welche Enttäuschungen wären Ihnen in Ihrem politischen Leben lieber erspart geblieben?
 
Glotz: Eine ganze Reihe. Etwa als ich nach sieben Jahren als Geschäftsführer der SPD auf einem Parteitag in Münster aus dem Parteivorstand abgewählt worden bin.

?: War das der Auslöser des Ausstiegs?

Glotz: Für meinen Rückzug aus der Politik gab es eine Vielzahl von Gründen. So konnte ich mit der Politik, wie sie heute betrieben wird, in den letzten Jahren immer weniger anfangen. Wir haben eine Reihe grundlegender Probleme, die nur im parlamentarischen Miteinander gelöst werden können. So wie die Fraktionen jedoch im Moment zusammenarbeiten werden wir die zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit kaum in den Griff bekommen. Dazu kamen auch persönliche Gründe. Ich hatte es nach 14 langen Jahren auf der Oppositionsbank schlicht und ergreifend satt immer nur hinter einer Regierung herzulaufen. Überdies wollte ich mit Mitte Fünfzig noch einmal etwas Neues anfangen.

?: Sie sind resigniert aus der Politik geschieden?

Glotz: Ich habe das Tagebuch “Jahre der Verdrossenheit” veröffentlicht. Aus diesem Titel können Sie herauslesen, dass ich nicht immer happy war. 

?: Ich würde Sie gerne mit drei Zitaten aus ihrer publizistischen  Vergangenheit konfrontieren und Sie bitten diese Aussagen aus heutiger Perspektive zu kommentieren. Sie haben geschrieben: “Die Probleme beim deutschen Management liegen im hierarchischen Denken, in langen Wegen, falscher Würde, der Missachtung junger Leute und der - verständlichen - Vorsicht pensionsreifer Endfünfziger.”

Glotz: Zu dieser Aussage stehe ich heute noch. Wir haben sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik das Problem, dass die 50- bis 60jährigen an den Hebeln der Macht sitzen. In den USA stellt sich die Situation etwas anders dar. Hier sind junge dynamische Konzerne wie “Microsoft”, “Sun” oder “Netscape” entstanden, die weniger hierarchisch gegliedert sind.  In den Führungsetagen dieser Unternehmen herrscht eine offenere Kultur.

?: Ist unsere Wirtschaft kreativ-feindlich?

Glotz: Es gibt hierzulande in der Tat lange wirkende geistige Traditionen. So hat etwa die preußische Disziplin sicher auch ihre guten Seiten, sie darf jedoch nicht als allein selig machend gewertet werden. Die derzeitige Innovations-Krise hat jedoch viele Facetten. Die amerikanische Wirtschaft frischt sich beispielsweise durch einen ständigen Zustrom von Einwanderern auf. Wenn man etwa über den Campus von Stanford geht, dann trifft man auf zahllose hochmotivierte amerikanische Chinesen, Koreaner oder Latinos. In Deutschland schottet man sich dagegen gegen diese Entwicklung ab. Das ist sicher nur ein Element unter vielen, aber es zeigt doch wie starr und gefestigt unsere Kultur ist.

?: Kann man kreatives Denken lernen? 
Glotz: Man kann aus unserem Bildungssystem sicher mehr herausholen. So dürfen sich Schulen und Universitäten nicht mehr in einem vergeistigten Elfenbeinturm verschanzen, sondern müssen einen engeren Kontakt zur Wirklichkeit suchen. Man muss sich jedoch darüber klar sein, dass sich Kreativität nicht in einem Proseminar oder einem Leistungskurs erlernen lässt.

?: Zurück zu den Zitaten. Vor vier Jahren haben Sie in einem Kommentar festgestellt: “Seit Silvio Berlusconi seine Macht dazu nutzte, italienischer Ministerpräsident zu werden, gehört die Telekratie zu den zentralen Themen der zeitgenössischen Politik.”

Glotz: Die politische Macht wird heute in der Tat sehr stark über das Fernsehen vermittelt. Mit Blick auf Medienunternehmer wie Leo Kirch ist vor diesem Hintergrund eine gewisse Wachsamkeit angebracht. Im Moment gibt die Situation jedoch meiner Meinung nach zu keinen Panikreaktionen Anlass. Wir haben schließlich zwei sehr starke öffentlich-rechtliche TV-Systeme...

?: ...die jede Menge Probleme haben. Die Werbeeinnahmen weisen im Moment steil abwärts. Das Programmprofil verflacht zusehends.

 Glotz: Werbeeinnahmen spielen sicher nur noch für das ZDF eine Rolle. Für die ARD kann man das getrost vergessen. Zum Dauerthema “Verflachung der Fernsehkultur” möchte ich feststellen, dass die Grundversorgung die Bereiche Kultur, Bildung und Unterhaltung umfasst. Man kann nicht auf allen Frequenzen “Arte” senden, sondern muss gerade als öffentlich-rechtlicher Anbieter auch massenwirksame Programme fahren.

?: Ein letztes Zitat. 1988 schrieben Sie in der w&v: “Wir stecken mitten in einer revolutionären Veränderung unserer Kommunikationsgewohnheiten. Nichts zeigt dies deutlicher als die rasende Entwicklung der Individualkommunikation.”

Glotz: Im Bereich des Fernsehens stehen wir im Moment an der Schwelle zu einer Kulturrevolution. So wird es in absehbarer Zeit möglich sein über einen Rückkanal - etwa die ISDN-Leitung - mit dem TV-Anbieter zu kommunizieren. In der Zukunft müssen sich die Verbraucher nicht mehr länger berieseln lassen, sondern können aktiv am Geschehen teilnehmen. Das Fernsehen verändert sich zu einer point-to-point-Struktur.

?: Eine schöne neue TV-Zukunft mit 500 Kanälen...

Glotz: Ich glaube nicht daran, dass es Hunderte von Sendern geben wird. Das Werbevolumen reicht hierzulande kaum aus, um auch noch einen Aquarianer-Kanal zu finanzieren. 

?: Nutzen Sie als Fachmann für Medien und Telekommunikation eigentlich Online-Dienste wie das Internet?

Glotz: Ich bin kein Heavy User, aber ich finde mich im Cyberspace durchaus zurecht. So schaue ich mir alle neuen Entwicklungen systematisch an. Wenn ein neues Computerspiel herauskommt lasse ich mir das von meinem Mitarbeiter vorführen. Das gleiche gilt auch für das Internet. Auf diese Art und Weise halte ich meine Hand auf der Herdplatte. Ich möchte wissen, wann es heiß wird, aber ich bin kein süchtiger Surfer.

?: Bei vielen Politikern aber auch bei Medienschaffenden oder Werbekreativen hat man bisweilen den Eindruck, daß die Hand in bequemer Entfernung von der Herdplatte plaziert ist ...

Glotz: Ich bin Kommunikationswissenschaftler. Wenn ich nicht mehr weiß was im Bereich der Computerkommunikation passiert, kann ich einpacken. Andere Leute haben da sicher einen völlig anderen Approach.

?: Zum guten Schluss eine Standardfrage: Was machen Sie in zehn Jahren?
 
Glotz: Dann sitze ich in meinem Haus in Südfrankreich und schreibe. Ich habe den größten Teil meines Lebens in Flugzeugen und Hotelzimmern verbracht. Mein Traum ist es daher, dieses Handelsvertreter-Dasein zu beenden und einen neuen ruhigeren Lebensabschnitt zu beginnen.



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