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Interview I
Interview II


Ein Porträt des US-Designers David Carson. Aus Artwork 2/2002.

DAS ENDE DER PRINTMEDIEN

Ausgehend vom Grafikdesigner David Carson entsteht ein neuer Trend in der Magazingestaltung. Typographie ist nicht mehr Transporteur textlicher Inhalte, sondern findet um ihrer Selbst willen - als L`art pour l`art - statt.

Wenn man eine alte chinesische Weisheit als Meßlatte anlegt, wonach sich der Erfolg eines Mannes an der Zahl seiner Bewunderer und Gegner ablesen läßt, dann muß der amerikanische Grafikdesigner David Carson so etwas wie ein Superstar sein. Denn an den anarchistischen Typographie-Exzessen des Art Directors scheiden sich die Geister. Carson wird von seinen Fans als "the wunderkind of design" gefeiert und von seinen Kritikern als dekonstruktivistischer Dilettant abgeurteilt. Denn die Arbeiten des Kaliforniers sind alles, was die klassische Typographie nicht sein will: Hochemotional, abstrakt, expressiv, improvisiert und spontan. Seine Layouts meiden eine festgelegte Ausdrucksweise und konzeptionelle Ordnungsprinzipien. Sie transportieren nicht nur textliche Inhalte, sondern formulieren selbst eine Message. Sie versuchen nicht wertfrei zu sein, sondern polarisieren. Dr. Florian Hufnagl, Chef der Münchner "Die Neue Sammlung", die unlängst die Carson-Ausstellung "Zeichen der Zeit" präsentierte, resümiert: "Stürme der Begeisterung und schroffe Ablehnung begleiten die Arbeiten von David Carson. Selten hat eine vermeintlich so trockene Materie, die in der deutschen Sprache mit dem altmodischen Begriff Schriftkunst umschrieben wird, so starke Reaktionen in beide Richtungen ausgelöst."

Entwicklung: der Preis der Avantgarde
Dabei ist David Carson - vordergründig betrachtet - alles andere als ein intelektueller Erneuerer. Der Amerikaner war schließlich jahrelang Profi in einer Sportart, die nicht eben für ihre Tiefgründigkeit bekannt ist. Carson war Surfer, jahrelang sogar einer der besten der Welt. Dann studierte er Soziologie an der San Diego State University und wurde Lehrer. Ganztags, alle Fächer plus Sport. Das wäre es vielleicht schon gewesen, hätte sich der Kalifornier nicht auf einem zweiwöchigen "Graphic Summer Workshop" mit dem Design-Bazillus infiziert. So begann er neben seiner Lehrertätigkeit nachts und am Wochenende jeden Monat 200 Farbseiten für "Transworld Skateboarding" zu gestalten. Carson bekommt kaum Geld, jede Menge Arbeit und alle Freiheiten. "Ich zog es in meiner Studentenbude durch," erinnert er sich Jahre später in einem Interview mit Lewis Blackwell. "Besessen, getrieben und fasziniert von echten kreativen Möglichkeiten." Und die nutzt er mit aller Konsequenz. Carson zerschneidet Fotos um sie verdreht neu zusammenzusetzen, kopiert Schriftfilme bis zur Schmerzgrenze übereinander und experimentiert mit unterschiedlichsten Fonts und Schriftgrößen. "Ich mußte damals interessante Layouts aus eigentlich langweiligen Photos und vorgegebenen Illustrationen entwickeln," erläutert der Designer seine Arbeitsweise. "Wenn das nicht zufriedenstellend ausfiel, bin ich auf die Wirkung von zunächst beiläufigen Originalmaterial wie Begleitbriefe, Manuskripte oder Photokopien ausgewichen. Solche peripheren Dokumente hatten oft etwas viel Aussagekräftigeres an sich als die Photos."
Im Jahr 1989 übernimmt Carson mit der Art Direktion von "Beach Culture" seinen ersten gestalterischen Fulltime-Job. Es muß eine zermürbende Zeit gewesen sein. "Beach Culture" - ein ambitioniertes Surfermagazin - wird schnell zur Insider-Bibel für avantgardistisches Grafikdesign. Ganze 150 Preise kassiert Carson für seine Gestaltung. Doch das interessiert das Gros der Leser und vor allem die Anzeigenkunden herzlich wenig. Die Auflage sinkt, die Ausgaben werden immer dünner. Nach zwei Jahren wird "Beach Culture" schließlich endgültig eingestellt. Carson, der wieder mal fast ohne Gage gearbeitet hat, erleidet einen Zusammenbruch.
Erst mit "Ray Gun", seinem nächsten Projekt als Art Direktor, gelingt ihm der kommerzielle Durchbruch. Und das, obwohl der Kalifornier radikaler agiert als je zuvor. Absätze werden so oft übereinander kopiert, bis sie völlig unlesbar sind, Sätze und Buchstaben stürzen über die Seiten, als hätte ein Erdbeben gewütet, einzelne Typen werden in seitensprengende Dimensionen aufgeblasen, einen ganzen Beitrag setzt Carson sogar in der Zapf Dingbat, einer unverständlichen Zeichenschrift und selbst Titel und Logo werden - eine Marketing-Todsünde ersten Ranges - ständig umgestaltet. Trotzdem schlägt "Ray Gun" - "The bibel of music, style and the end of print" - in den USA ein wie eine Bombe. Die Auflage erhöht sich innerhalb weniger Monate von 30.000 auf über 150.000. Plötzlich arbeiten hochangesehene Illustratoren wie Matt Mahurin, Brad Holland oder Marshall Arisman begeistert an dem Low Budget-Projekt mit. Die Leserbriefspalten von "Ray Gun" sind voll mit Hymnen auf den graphischen Stil des Magazins. Genervte Autoren, deren Texte Carson bis zur Unleserlichkeit verfremdet, verfolgen den gefeierten Designer dagegen bisweilen mit Baseballschlägern.
Und es dauert nicht lange, bis auch der Mainstream der Medien das Phänomen "Ray Gun" entdeckt. So feiert die altehrwürdige "New York Times" Carson als den Mann, der der MTV-Generation das Lesen wieder schmackhaft gemacht hat. Solche Sprüche wecken die Begehrlichkeiten der Werbeindustrie. Plötzlich reißen sich die Agenturen um den Designer. Und der nimmt die hochdotierten Angebote - nachdem er jahrelang ständig am Rand der Pleite rumkrebste - enthusiastisch an. Er gestaltet unter anderen Printanzeigen und TV-Spots für Pepsi, Sony, die Nations Bank, Levis und Nike. Doch der plötzliche Ruhm erweist sich als Bumerang. Carsons Stil wird so oft kopiert, daß das Original in eine Identitätskrise gerät. Im September letzten Jahres fliegt der Grafikdesigner bei Ray Gun raus. Seitdem bereit er in New York sein neues Zeitschriftenprojekt "Speak" vor.

Konzept: Grafikdesign ist Kunst
Carsons radikaler gestalterischer Ansatz basiert auf vier konzeptionellen Grundüberlegungen:
1. "Lesbarkeit ist keine Garantie für optimales Verständnis. Wesentlich wichtiger als reine Lesbarkeit sind Emotionen.
2. Grafik ist intuitiv.
3. Design und Text sind gleichwertig.
4. Grafikdesign ist Kunst.
Typographie ist für den Amerikaner kein Transportmittel für Botschaften, sondern "die Kunst der schriftlichen Zeichen, die textliche Inhalte und Bilder neu interpretiert." Auf der FUSE 95, die im November in Berlin stattfand, macht der Designer programmatisch deutlich: "Text ist eine sinnlich-malerische Geste, eine Bildergeschichte." Zu deren Gestaltung setzt Carson bewußt auf Anleihen aus der Kommunikation der audiovisuellen und interaktiven Medien. Er erklärt: "Wir sind heute von einer immer stärker werdenden Fernsehkultur umgeben. Computer, CD-Roms und das Internet spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle, die keine lineare und logische Informationspräsentation mehr zuläßt. Wir befinden uns mitten im Informationsfluß und ahnen, daß er uns zu neuen Ufern führt." An dieser Entwicklung werden die gedruckten Medien, nach Carsons Auffassung, nicht mehr partizipieren können. Die TV- und Digitaltechnologie leitet das Ende des Printzeitalters ein.
Diese Sicht der Dinge ist - sieht man vom zeitgeistigen Medien-Darwinismus einmal ab - nicht so neu, wie es manchem Betrachter erscheinen mag. Erich Spiekermann von Metadesign erläutert: "Die These, daß Typographie eine emotionale Bildsprache ist, ist so alt wie die Schrift selbst." Und Franz Aumüller von Trust, der sich als Calligraph im besonderen Maße mit Schriftgestaltung auseinandergesetzt hat, erklärt: " Bereits in den sechziger Jahren wurde in ähnlicher Form mit Schrift herum experimentiert, wie es heute Carson macht. Der Ansatz, die Typographie als Selbstzweck von allen formalistischen Fesseln zu befreien, ist daher nicht besonders originell." Da ist etwas Wahres dran. So stellten bereits die Futuristen, Dadaisten und das Bauhaus - allen voran Kurt Schwitters und die De Stijl-Gruppe - Anfang dieses Jahrhunderts die Unschuld von Bild und Type vehement in Frage. Eine Auffassung, die in den 60iger Jahren von April Greiman weiterentwickelt wurde. Die Amerikanerin, die den artifiziellen "West Coast New Wave" prägte, brachte es jedoch - wie ihre stilistischen Vorgänger - allenfalls zu Insider-Kultstatus. Der Zeitschriftendesigner Lo Breier: "Es ist wahrscheinlich das Verdienst von David Carson, daß er den emotionalen Typographie-Ansatz für den Mainstream geöffnet hat."

Adaption: für echte Experimente ist kein Raum
Dies gilt mittlerweile nicht nur für die USA. Denn nachdem der eigentliche Boom in Übersee bereits abgeebbt ist, kommt er hierzulande erst richtig ins Rollen. Jasmin Khezri, Art Direktorin beim SZ-Supplement "Jetzt", beobachtet: "David Carson hat in Deutschland eine riesige Welle ausgelöst. Viele Publikationen passen sich im Moment ganz vorsichtig an seinen Stil an oder übernehmen Elemente seiner Arbeit." Das liegt wohl in der Natur der medialen Sache. Erich Spiekermann: "Magazine sind Moden unterworfen und Carson ist im Moment in Deutschland eine Modeerscheinung."Ähnlich wie in den USA setzten dabei vor allem jene Magazine auf Carsons Stil, die auf jugendliche Zielgruppen zielen. Lo Breier, Gestalter von "Tempo" und "Die Woche": "Die Designauffassung, die David Carson repräsentiert, wird vor allem dort adaptiert, wo es vermeintlich um die Generation X geht. Etwa im Szene- oder Trendsportbereich." Dies auch, weil sich in Deutschland im boomenden Techno-Geschäft eine typographische Sprache entwickelt hat, die eng an Carson angelehnt ist. So setzt beispielsweise der Berliner Grafikdesigner Alexander Branczyk für die Techno-Bibel "Frontpage" und die Modezeitschrift "Sense" auf eine graphische Auffassung, die sich den Raubzügen der Plagiatoren durch ständige Verwandlung entzieht. Chaotische Schrift-Bild-Collagen, computergenerierte Typen, die oft bis zur Schmerzgrenze verfremdet sind und ständige Erneuerung kennzeichnen seinen Stil. Die Fachzeitschrift "Deutscher Drucker" resümiert Branczyks Gestaltung: "Eine zynisch-technische Akrobatik mit magischen Zeichen und Rhythmen für sich berauschende Konsumenten. Mit Manipulation, Imitation und Variation geling es ihm mühelos, das einstige aufklärerische Kulturgut Schrift in einen elektronischen Unterhaltungsartikel zu verwandeln." Das scheint in der Medienbranche jedenfalls sehr gut anzukommen. So ist Typographie-Auffassung von Alexander Branczyk mittlerweile zum Verkaufsschlager avanciert. Unter dem Namen "Face2Face" bringt etwa Linotype-Hell die Schriften des Berliner Techno-Gurus auf den Markt. Die Fonts finden gerade bei Trend-Zeitschriften reißenden Absatz.
Doch der Output der Kopisten ist in der Szene umstritten. Franz Aumüller: "Hierzulande gibt es kaum jemanden, der das Potential hat, solche Vorbilder eigenständig neu zu interpretieren. Jetzt fängt jeder Friseur in der Provinz an auf seinem Mac wirres Zeug zu produzieren." Dem pflichtet Erich Spiekermann bei: "Die meisten Imitationen funktionieren nicht, weil man ihnen auf den ersten Blick anmerkt, daß keine Idee dahinter steckt." Das ist wahrscheinlich auch eine Frage der Risikobereitschaft. Durch ständige Erneuerung eine "Vorhersehbarkeit in der Unvorhersehbarkeit" zu erreichen, geht vielen Verlagen einfach zu weit. Jasmin Kehrzi: "In Deutschland halten die Verleger zu stark an ihren Konzepten fest. Es ist sehr schwer echte Innovationen durchzusetzen. Für Experimente ist kaum Platz."

Werbung: ein Trend wird Tode kopiert
Während sich die Verlage vorerst nur zaghaft umorientieren, bedient sich die deutsche Werbelandschaft mittlerweile im großen Stil aus dem Repertoire der Typo-Revoluzzer. Der Hintergrund: Traditionelle gelayoutete Botschaften werden von den Zielgruppen allzu oft überblättert. Es gilt Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erzielen. Carlos Obers: "Gelungene Schrift-Schöpfungen bringen den Zeitschriften-Zapper sogar wieder dazu, Anzeigentexte zu lesen. Gerade weil neuartige Typographie den Ehrgeiz entfacht, sie zu entziffern." Und Gereon Sonntag von Grey führt aus: "Im Massenmedium Fernsehen haben Sender wie VlVA und MTV mit ihrer schnellen Bilderflut dafür gesorgt, daß das Publikum auch komplexere Zeichencodes und un- gewöhnliche Gestaltung akzeptiert. Die Bereitschaft und vielleicht sogar Erwartungshaltung bei einer breiten Masse läßt auch die Werbung auf diese Entwicklung reagieren." Doch das Ergebnis des massiven Werbeeinsatzes neuer typographischer Stilmittel läßt manchen Insider erschaudern. "Vieles sieht immer noch aus wie Laubsägearbeiten, " bringt es Carlos Obers auf den Punkt. Und Franz Aumüller von Trust bekennt offenherzig: "Bisweilen stehen mir die Haare zu Berge." Das sieht Professor Kurt Weidemann, der große alte Mann der deutschen Typographie ähnlich drastisch: "Die ahnungslosen und einfallslosen Nachmacher mit ihrer Abrißbirnenmentalität haben weder handwerkliche noch kunstfertlge Fähigkeiten."
Die Diskussion um die Qualität avantgradistisch angehauchter Werbeinszenierungen ist auch eine Diskussion um die Mechanismen der Werbung. Der Zeitschriftendesigner Lo Breier erklärt: "Die meisten Werbeagenturen leben in einer Second Hand-Welt. Sie sehen eine neue Entwicklung und setzen sofort ihren Art-Direktor an die Sache. Die kopieren jedoch nur die Auswirkungen des Trends, nicht das Wesen des Trends selbst. Man kann jedoch nicht den Tritt für jeden Stil finden. Dazu braucht man eben auch die richtigen Leute."
Der Boom typographierter TV-Spots und Font-überladener Printanzeigen hat indessen bereits eine Rückbesinnung auf klassische Werte ausgelöst. Franz Aumüller: "In den USA und England gibt es wieder einen starken Trend in Richtung klassische Typographie. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis uns diese Welle erreicht." Und auch Erich Spiekermann resümiert: "Carson wird im Moment schlicht und ergreifend zu Tode kopiert." Dem schließt sich Lo Breier an: "David Carson wird sich durchsetzen, aber die Epigonen von Ray Gun werden wieder verschwinden. Die ganze Angelegenheit wird von der Werbeindustrie so stark strapaziert, daß es in absehbarer Zeit vorbei ist." Und auch Carson selbst überdenkt mittlerweile seinen Ansatz: " Viele Zeitschriften kopieren inzwischen mein Prinzip des permanten Wandels. Generell möchte ich wieder einfacher werden. Es wäre naheliegend nicht nur das Format, sondern alles zu ändern und genau das Gegenteil der bisherigen Strategie zu verfolgen. Aber so etwas ist eigentlich zu simpel, zu einfallslos..."

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