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Ein Artikel über Literatur im Netz. Veröffentlicht im S-Magazin 1/2003.

DICHTER UND DENKER DIGITAL

Die Literatur erlebt im Internet einen überraschenden Boom. Hobbyautoren haben das Netz als Forum entdeckt, professionelle Schriftsteller plaudern und publizieren im World Wide Web, Künstler entwickeln einen multimedialen Erzählstil. Kurz: Das Cyberspace ist zum Mittelpunkt und Medium eines modernen Literatur-Ansatzes avanciert.

Wie sich Freizeitforscher irren können: Noch vor wenigen Jahren blickten diverse Auguren der Branche höchst kulturpessimistisch in die Zukunft. In Zeiten von Multimedia und Internet - so eine durchaus gängige Einschätzung - kommt es zum Verfall der klassischen Kunst-Tugenden. Das Horrorszenario: Mit dem World Wide Web feiern Sex und Crime und Billig-Entertainment einen weiteren Triumph.
Doch die Realität im Netz straft solche Prognosen Lügen. Denn im Internet floriert eine junge und höchst ambitionierte Kunstszene. Sie arbeitet mit vernetzten Konzepten, individueller Kommunikation und multimedialer Technik. Einen ganz besonderen Stellenwert nimmt in dieser neuen Richtung die Literatur ein. Die klassische Kunst öffnet sich im Cyberspace und wird zu einer Massenbewegung. Jeder, der schreibt, kann im Netz publizieren. Der Spiegel kommentiert die Folgen dieser Entwicklung: "Als gelte es, ein Menschenrecht auf Veröffentlichung durchzusetzen, tummeln sich im Internet die Hobby-Autoren. Ein eilig Volk von Möchtegern-Dichtern entleert seine Poesiealben ins Netz und verfaßt Romane über Befindlichkeiten und Reminiszenzen. Das Buch, in den letzten Jahren schon als Schwundprodukt abgeschrieben, erlebt eine Renaissance - auch wenn es in seiner klassischen Form schwarz auf weiß zwischen zwei Deckel gepresst an Bedeutung verlieren wird."
Die Entwicklung der Hobby-Literatur im Netz trägt in der Tat alle Züge eines Booms. So haben etwa literarische Usegroups - die Diskussions-Foren des World Wide Web - ungeheuren Zulauf. Jeder, der sich berufen fühlt, lädt seine eigenen Texte auf den Server. Und jeder, der sich angesprochen fühlt, plaziert einen Kommentar dazu.
Beispielhaft für die Entwicklung ist auch das Angebot des Literaturcafe`s im Netz. Ursprünglich war die Site als privates Forum für Laienschreiber angelegt - heute ist die Homepage das Portal für Literatur im Netz. Das Literaturcafe bietet massenhaft Buchkritiken, es informiert über literarische Ereignisse und Veranstaltungen, es publiziert Interviews mit Schriftstellern und Lektoren und glänzt mit einem Diskussionsforum, dessen Aktivität manchen professionellen Internet-Strategen ins Grübeln bringen dürfte. Denn im Literaturcafe werden täglich Hunderte von Beiträgen publiziert. Zahllose Kurzgeschichten, Gedichte, Betrachtungen von Hobby-Autoren werden hier diskutiert - manchmal unfreundlich, oft sehr ehrlich, meist aber engagiert. Darüber hinaus helfen sich Interessierte im Cafe-Forum bei der Suche nach verschollenen Büchern und vergessenen Texten. Zudem gibt es Literaturwettbewerbe, öffentliche Kritiken, literarische Adventskalender und Insiderinfos zu allen Bereichen der Schreib-Kunst. Die Zeitschrift com! beschreibt das Angebot: "Was dem Fernsehen das Literarische Quartett, ist dem Internet das Literaturcafé. Auf den liebevoll gestalteten Seiten des Stuttgarters Wolfgang Tischer finden Leseratten viel Stoff zum Schmökern und Infos zur aktuellen Bücherszene sowie Interviews mit bekannten Schriftstellern. Für Bücherfreunde sind die Seiten mit dem feinen Design eine wahre Fundgrube."

Das Web-Engagement der Schreib-Profis: Literatur in Progress
Die Hobby-Autoren haben das Netz in den vergangenen Jahren als Forum entdeckt. Seit einiger Zeit drängt jedoch auf die professionelle Autoren-Szene mit Nachdruck ins Internet. Für Furore sorgte in der Vergangenheit etwa ein Web-Projekt der ZDF-Kultursendung Aspekte: Unter dem Titel "Novel in Progress" konnten Kunst-Interessierte den Berufsschreibern beim Schreiben über die Schulter schauen: Das Projekt ermöglichte einen faszinierenden Einblick in den Entstehungsprozeß von Literatur.
Noch näher zum Künstler rückte die Internet-Gemeinde als der Schriftsteller Rainald Goetz im Internet sein Tagebuch mit dem Titel "Abfall für alle" veröffentlichte. Der Clou bei der Publikation: Goetz brachte seine Gedanken über ein Jahr tagesaktuell ins Netz. Was heute geschah, war schon morgen im World Wide Web zu lesen. Kein Wort war dabei über den Tisch eines Lektors gewandert. Goetz produzierte Alltags-Literatur in Echt-Zeit. Der Suhrkamp-Verlag hat die Texte inzwischen auch in klassischer Buchform herausgebracht. Doch im Gutenberg-Medium verliert das Tagebuch deutlich an Klasse: So glänzte Goetz gerade im Netz durch seine Aktualität und Unmittelbarkeit.
Ein andere Projekt der deutschen Netz-Literatur hört auf den schönen Namen "pool". Dabei handelt es sich um ein Teamwork von Künstlern und Medienmenschen aus den unterschiedlichsten Richtungen. Sie veröffentlichen am pool schnelle Betrachtungen und "ambitioniertes Gelaber". Fern von der Schwere, die eine Buchveröffentlichung ausmacht, können sich hier Popliteraten und Journalisten einmal über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens austauschen: Welche Turnschuh-Marke ist cool, welches Auto soll und darf man fahren, und welcher Anzug paßt zu welcher Gelegenheit. Das Konzept: "Wie ein Tagebuch oder ein Briefwechsel - alles Aktuelle, jeder Gedanke zu etwas, jede Erinnerung, Antwort, Beschreibung, jeder Brief oder Journaleintrag erscheint im pool, so daß eine Art Korrespondenz entsteht, ein fortlaufender, täglicher Text."
Das Projekt liegt mittlerweile auch in gedruckter Form vor - "The Buch" heißt der Titel zum pool. Doch in der Wirklichkeit des Web kommt das Kunst-Stück erst richtig ins Rollen. Zum Beispiel dann, wenn - wie in der Vergangenheit geschehen - Hacker den Code des Projekts knacken und im Namen von pool-Literaten eigene Texte publizieren. Mithin sollen die Leser den Unterschied nicht gemerkt haben - die Kopierten waren ihrerseits jedoch ziemlich verstimmt.
Flüchtig und künstlerisch wertvoll wollen auch die Autoren des Projekts "null" im Web tätig sein. Das Dichterforum wurde als Versuch vom Verlag DuMont gestartet und wurde zu einer Anthologie der Monate vom 1.1. 1999 bis zum 21.12.1999. Das Konzept: "Als eine auf Austausch und Diskussion angelegte literarische Online-Anthologie ist null damit beschäftigt, nicht einfach abzulegen und zu archivieren, sondern die Arbeit einer jungen Schriftstellergeneration für die Öffentlichkeit transparent machen, zu Widerspruch und Kommentar einzuladen, kurz: ein kommunikatives Textnetz zu sein, das sich über dieses letzte Jahr des Jahrtausends ausbreitet. " Der Herausgeber von null - Thomas Hetche - erklärt: "null ist das, was es sein will, ein Ort für gute Texte im Netz. Denn obwohl, wie Nietzsche sagt, das Schreibzeug an unseren Gedanken mitarbeitet, haben die medialen Veränderungen der letzten Jahre tatsächlich wenig mit Hyperlink-Literatur zu tun, mit der Auflösung linearer Erzählstrukturen, dem Ende des Autoren-Subjekts im Netz und ähnlichen Feuilleton-Themen, viel jedoch mit einem radikalen Umbruch des Lebens und Arbeitens von Schriftstellern."
Die Resonanz auf das literarische Engagement war gewaltig. Der stern resümiert das Projekt: "Die null-Texte zeigen außer ihrer Individualität auch, was Internet-Literatur so einzigartig. macht: Per Hypertext miteinander verbunden, verweisen die einzelnen Texte aufeinander, geben dem Leser Gelegenheit, von Gedanken zu Gedanken zu springen, laden zur Abschweifung ein, integrieren Bilder und Filme in geschriebenen Text."


Die neue Sprache der Hypertext-Bewegung: Das Wort als Animation
Das Internet fordert professionelle Autoren und Laien-Schriftsteller heraus. Es bildet ein Forum für einen alltäglichen, schnellen, interaktiven Austausch. Doch einige Künstler-Persönlichkeiten entwickeln die Literatur im Netz in völlig neue Dimensionen. Ihre Argumentation: Die klassische Dichtkunst ist mit den Möglichkeiten des Gutenberg-Medium verbunden. Die Literatur im Internet darf jedoch nicht auf das gedruckte Wort reduziert werden. Gefordert wird vielmehr eine Hypertext-Kunst, bei der Bild, Text und Ton zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk verschmelzen. Welche Möglichkeiten dieser neue Denkansatz eröffnet wurde kürzlich in Kassel offenbar. Ende des vergangenen Jahres fand hier unter dem sperrigen Titel "p0es1s"eine "Ausstellung zur digitalen Poesie" statt. Gezeigt wurden Exponate aus den unterschiedlichsten Bereichen der Hyperfiction. Die ausgewählten Exponate führen auf ungewöhnliche Art und Weise vor, wie die Dichtkunst um hypermediale Möglichkeiten erweitert wird: Hybrid-Texte zwischen Schrift, Bild und Klang, die ausschließlich elektronisch produziert, gespeichert, verbreitet und rezipiert werden können. Für die Teilnehmer heißt dies Poesie, "poesis" im engsten Wortsinne: Erfahrungmachen, Probieren als ästhetische Selbstbeobachtung. Der Kurator der Ausstellung, Dr. Friedrich W. Block, erklärt sein Konzept: "Der Besucher von p0es1s ist sofort und auf verschiedenste Weise in das Geschehen einbezogen: Man bleibt nicht mehr oder weniger distanzierter Betrachter und Leser, sondern muss direkt in das Geschehen eingreifen. So ist eine interessante Facette der Dichtung mit den neuen Medien eine veränderte Inszenierung des Publikums beziehungsweise der Rezeption, die in konitiver, körperlicher und sozialer Hinsicht zu einem beobachtbaren Bestandteil des jeweiligen Projekts wird."

Ein Ausblick in die Zukunft der Netz-Literatur: Die Buchstaben lösen sich aus der Fixierung
Die Literatur ist im Netz überaus lebendig. Sie wird von Aspekten wie Aktualität, Kommunikation, Interaktion und Multimedialität geprägt. Zunehmend entwickelt sich dabei ein Bild der Dichtkunst, das sich von den klassischen Idealen entfernt. Die Literaturwissenschaftlern Christiane Heibach erläutert diesen Trend: "Der Literaturbegriff ist in den Köpfen der meisten Menschen noch nachhaltig mit dem Medium Buch verknüpft. Das muß nicht notwendigerweise der Fall sein. So haben sich zu Beginn der 90iger Jahre mit dem Aufkommen des Internet zahlreiche Formen computerbasierte Literatur entwickelt, die ganz unterschiedliche Tendenzen sichtbar werden lassen. Wir dürfen einerseits die Traditionslinien, auf denen digitale Literaturformen aufbauen, nicht aus den Augen verlieren, andererseits dürfen wir auch nicht blind sein für die - meiner Meinung - zweifellos neuen Formen literarischer Produktion, die sich aus der Benutzung von Computer und Internet ergeben."



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